Tausendundeine Nacht – Die berühmteste Sammlung arabischer Dichtung

Wer kennt sie nicht, die berühmten Erzählungen aus „1001 Nacht“. Diese orientalischen Geschichten gehören zu den Säulen der Weltliteratur. Ob „Sindbad der Seefahrer“, Aladin und die Wunderlampe“ oder „Ali Baba und die vierzig Räuber“; sie und viele andere sind zu Klassikern geworden. Doch das ist nur ein verschwindend kleiner Teil. Die vollständige Sammlung umfaßt nämlich weit mehr, als nur die bekanntesten Abschnitte. Im den ursprünglichen arabischen Textsammlungen finden sich auf über 5.000 Seiten allein rund 1.500 eingestreute Gedichte. Ebenso wie zahlreiche Legenden, Anekdoten, Tragödien und Komödien. Das hat dazu geführt, dass die Erzählungen oft als reine Märchensammlung oder gar als Kinderliteratur mißverstanden worden sind.

Von Tausendundeiner Nacht gibt es allerdings kein Originalmanuskript, keine einmalige literarische Urschöpfung, die einen bestimmten Verfasser hätte. Vielmehr handelt es sich um eine anonyme, offene Sammlung aus zusammengetragenen Geschichten, Episoden und Gedichten. Bestimmte Teile sind schon vor langer Zeit vom Indischen und Persischen ins Arabische übertragen und hinzugefügt, dabei zum Teil auch islamisiert worden (arab.: „Alf Layla“, tausend Nächte). Verschiedene alte arabische Handschriften umfassen zumindest wesentliche Teile des heute bekannten Gesamtvolumens.

1001 Nacht, das ist nicht nur eine Sammlung einzelner Begebenheiten und Gedichte, sondern diese sind ihrerseits in eine Rahmenerzählung eingebettet: Ein König ist so erschüttert über die Untreue seiner Frau, dass er nicht nur sie, sondern täglich eine weitere Frau zu heiraten und zu töten beschließt. Scheherazade, der Tochter des Wesirs bei Hofe, gelingt es schließlich, den König durch das allnächtliche Erzählen spannender Geschichten von den Hinrichtungen abzuhalten. Geschickt unterbricht sie jeweils an einer spannenden Stelle, so dass der König gespannt ist, in der kommenden Nacht die Fortsetzung zu hören. Scheherazade hält das Erzählen 1001 Nächte durch. Der König gewährt ihr Gnade; das Morden hat ein Ende.

Zahlreiche europäische Übersetzungen sind im Laufe der Jahrhunderte vorgenommen worden. Der Orientalist Enno Littmann hat sich in den Zwanziger Jahren durch seine gelungene deutsche Neuübersetzung des Gesamtwerkes im Auftrag des Insel-Verlages besonders verdient gemacht. Dabei hat er seinen Sinn für Poesie und für die ursprüngliche Exotik gekonnt mit einfließen lassen. Diese Übersetzung gilt als vollständigste und sprachlich genaueste und ist bis heute im Handel. Manche der Geschichten sind durchaus nicht frei von deftigen Obszönitäten und Frivolitäten. Littmann hat solche Passagen „entschärft“, indem er allzu deftige Begriffe bei der Übersetzung in der arabischen Sprache belassen hat.

Zeitzeugen beschrieben Littmann als Sprachgenie. Es wird berichtet, er habe zwanzig Sprachen beherrscht, einige davon so gut, dass er sogar darin publizierte. Darunter Türkisch, Persisch und neben Hocharabisch auch etliche arabische Dialekte. Er kam im Jahr 1875 als neuntes Kind eines Druckereibesitzers zur Welt. Littmann hatte elf Geschwister. Dennoch gelang es den Eltern, ihre Kinder nach deren Neigungen und Interessen individuell zu fördern. Enno zeigte schon mit 15 Jahren ein auffallendes Interesse für die arabische Sprache. Von den Eltern bekam er ein Buch zum Selbstunterricht. Das studierte er mit so viel Erfolg, dass die Eltern ihm kurz darauf zahlreiche Grammatiken orientalischer Sprachen schenkten.

Die Leidenschaft hielt an. Littmann studierte orientalische Sprachen und promovierte auf diesem Gebiet. 1899 erhielt er eine Anstellung als Dolmetscher bei einer Expedition nach Syrien. Fortan ließ ihn die arabische Welt nicht mehr los. Zahlreiche weitere Reisen und Expeditionen folgten. Vielfach getragen und finanziert von der Zielsetzung, Deutschlands Stellung als Kolonialmacht zu festigen und auszubauen. Littmann erhielt dabei tiefe Einblicke in das Alltagsleben, Sitten und Gebräuche der arabischen Kultur. Er sammelte mit viel Sinn für Humor ortstypische Geschichten, Anekdoten und sprachliche Besonderheiten. Seine Aufzeichnungen sind bis heute wertvolles Quellenmaterial. Aufgrund seines enormen Fachwissens bekleidete er international mehrere Lehrstühle für orientalische Sprachen, Islamkunde und Semitistik.

1958 starb Enno Littmann. Als Forscher und Wissenschaftler genießt er unter Fachkollegen noch immer höchstes Ansehen. Immer wieder treffen Fachkundler zu Enno Littmann-Konferenzen zusammen und diskutieren zu seinem Gedenken historische Aspekte und aktuelle Fragestellungen des Orientalismus.

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