Das Informationsportal für Saudi-Arabien

Geschichten einer Karawane

Fünf Kaufleute haben sich zusammengetan, um, beginnend in Mekka, mit ihren Waren gemeinsam die Wüste zu durchqueren. Im vorletzten Jahrhundert gebot es schon die Sicherheit, solche Handelsreisen nicht allein und möglichst mit bewaffnetem Begleitschutz zu unternehmen, denn oft wurden Reisende unterwegs überfallen und ausgeraubt. Man tat sich also zu möglichst großen Gruppen zusammen. Je mehr Mitreisende eine solche Karawane hatte, um so besser konnte man sich gegenseitig beschützen. Außerdem hatte man auf diese Weise Gesellschaft, schließlich war der Weg lang und eintönig.

Unterwegs stößt noch ein Fremder zu der Gruppe und bittet, mit ihnen gemeinsam weiterziehen zu dürfen. Sein Name ist Selim Baruch. Er kommt aus Bagdad.

Tagsüber zieht die Karawane ihrem Ziel entgegen, nachts wird gerastet. Man sitzt am Lagerfeuer beisammen isst und unterhält sich. Mangels moderner Kommunikationsmittel gibt es weder Nachrichten noch Mails; die Reisenden müssen selbst für Unterhaltung sorgen. Was liegt also näher, als einander spannende Geschichten zu erzählen?

Dies ist die Atmosphäre, in die uns der Dichter Wilhelm Hauff in seiner Erzählung „Die Karawane“ versetzt. Nachdem die Kaufleute sich miteinander bekannt gemacht haben, vereinbaren sie, auf Anregung von Selim Baruch, dass reihum jeden Abend einer von ihnen eine Geschichte erzählen soll. Und so sammeln sich, eingebettet in den Reiseverlauf, der die Rahmenhandlung darstellt, sechs einzelne Märchen:

  • „Die Geschichte von Kalif Storch“
  • Die Geschichte von dem Gespensterschiff
  • „Die Geschichte von der abgehauenen Hand“
  • „Die Errettung Fatmes“
  • „Die Geschichte von dem kleinen Muck“
  • „Das Märchen vom falschen Prinzen“.

Der Dichter Wilhelm Hauff wurde 1802 in Stuttgart geboren und starb jung mit nur 25  Jahren. In seinem kurzen Leben war er erstaunlich produktiv und hat eine Menge zu Papier gebracht. Er schrieb Erzählungen, Märchen, Gedichte und Romane und legte Wert darauf, künstlerisch frei zu sein, ohne in irgendeine stilistische „Schublade“ eingeordnet zu werden. Zu Lebzeiten wurde sein Roman „Lichtenstein“ viel gelesen. Überdauert haben ihn vor allem seine Märchensammlungen „Das Wirtshaus im Spessart“ und „Die Karawane“. Beide sind noch heute äußerst populär.

Ebenso wie bei Karl May, der es fertigbrachte, Erzählungen aus entlegensten Winkeln der Welt so detailgenau zu beschreiben, als sei er selbst lange dort gewesen, hat auch Hauff sich in die orientalische Sphäre erstaunlich gut einfühlen können. So wie er Menschen, Orte und Situationen beschreibt, fühlt man sich wirklich in die Wüste versetzt; alles passt zusammen.

1823 war die erste deutschsprachige Übersetzung der Märchensammlung „Tausendundeine Nacht“ in Stuttgart erschienen. Man darf annehmen, dass Hauff, der in Stuttgart lebte, davon inspiriert worden ist. Dennoch hat er sie nicht einfach nur nachgeahmt, sondern dabei einen ganz eigenen Stil entwickelt.

In manchen Fällen ist die Handlung der abendlichen Erzählung mit dem Schicksal des Erzählers verbunden, so wie bei dem griechischen Kaufmann Zaleukos, der den anderen erzählt, wie er einst seine linke Hand einbüßte. Er wurde als Arzt zur Sektion einer Leiche aufgefordert; man täuschte ihn jedoch und zu spät merkte er, dass die vermeintliche Leiche noch am Leben gewesen war und erst durch seine beherzten Schnitte ums Leben kam.  Er wird verhaftet und zum Tode verurteilt, später jedoch begnadigt, allerdings wird ihm ersatzweise eine Hand abgehauen.

Doch nicht nur die einzelnen Geschichten, auch die Rahmenhandlung bietet Spannung. So wird die Karawane von der Räuberbande des gefürchteten Obasan heimgesucht, bleibt aber verschont, weil Selim Baruch ein Zeichen am Zelt befestigt, das von den Räubern offenbar als geheimes Signal anerkannt wird.

In der Erzählung vom kleinen Muck verbindet sich die orientalische Atmosphäre mit den auch in europäischen Märchen häufig auftauchenden Siebenmeilenstiefeln. Der kleine Muck bekommt nämlich Pantoffeln, die ihn in Sekundenschnelle an jeden Ort tragen.

Auch im Märchen vom falschen Prinzen gehen abendländische und orientalische Perspektiven Hand in Hand. Der Schneidergeselle Labakan versucht sich in vornehmer Robe als Prinz auszugeben. In dieser Verkleidung wirkt er täuschend echt und ähnlich wie  beim Hauptmann von Köpenick fällt es schließlich nicht leicht, Original und Fälschung voneinander zu unterscheiden. Eine Fee muss helfen.

„Die Karawane“ ist ein gelungener Versuch, verschiedene Erzählformen zu verbinden. Vom Märchen über die Gruselgeschichte bis zum Roman ist es gelungen, morgenländische und abendländische Erzählkunst auf das Spannendste miteinander zu vereinen.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.